Open Nav

Hoch­sen­si­bi­li­tät als Be­ein­träch­ti­gung

Warum Hochsensibilität oftmals als eine Beeinträchtigung oder sogar Krankheit wahrgenommen wird, obwohl sie keine ist.

Die Frage, ob Hochsensibilität eine Beeinträchtigung oder ein natürliches Wesensmerkmal ist, hält sich wacker, da sich die Forschung hierzu noch in den Kinderschuhen befindet und vor allem über Normalität und Vorteile dieses Merkmals nicht viele Studien vorhanden sind. Hinzu kommt, dass Therapeuten nur einen Teilbereich der Hochsensiblen in ihren Praxen als Patienten haben und nur diese klinisch erfasst werden, da sich Hochsensible, die in einem guten Umfeld aufwachsen, meistens sehr gut anpassen, in bestehende Strukturen integrieren und unauffällig für sie Vorteilhafte Lebensbedingungen erreichen können. Diese Hochsensible fallen uns kaum auf, sogar wenn wir sie gut kennen. Sie sind nicht diejenigen, die uns in den Sinn kommen, wenn wir an Hochsensibilität denken.

Auf der anderen Seite gibt aufgrund der erhöhten Verletzlichkeit, die mit der Hochsensibilität einhergeht, viele sensible Menschen, die psychisch und seelisch leiden, und diese Menschen stechen so stark hervor, dass wir dazu neigen, Sensibilität und Leid automatisch in unseren Köpfen zu verknüpfen. Sogar bei gesunden Hochsensiblen fällt uns deren Sensibilität hauptsächlich auf, wenn diese „zu leicht kränkbr““ sind oder „zu schnell von ein wenig Lärm belästigt“. Außerdem sind Hochsensible eine Minderheit, sodass sie nicht normal in dem Sinne sind, dass sie wie die meisten anderen Menschen sind. Die Hochsensiblen sind wirklich anders. Beim HSP-Test gibt es Menschen, die jede Frage mit ja beantworten, und solche, die jede Frage mit nein beantworten. Das ist eine sehr große Bandbreite an Erleben und Verhalten, doch die gesamte Bandbreite ist normal.

Oftmals entsteht auch Verwirrung, weil Hochsensibilität Ähnlichkeiten zu bestimmten Symptomen von psychischen Störungen aufweisen kann. So kann der Wunsch von sensiblen Menschen, zu warten bevor sie sich in eine neuartige Situation begeben, als starke Schüchternheit erscheinen – oder dies auch werden. Oder die Tendenz, die Konsequenzen von Handlungen ständig abzuwägen, kann als Symptomatik einer Angststörung erscheinen. Auch hier ist es wichtig festzuhalten, dass der Entwicklung von einer noch gesunden und normalen, aufgrund der Sensibilität bedingten Abwägung zu einer chronischen Angststörung tatsächlich passieren kann. Deshalb ist eine gute, die Hochsensibilität einbeziehende Diagnostik für sensible Menschen von großer Bedeutung, um einerseits Diagnosen von Krankheiten zu vermeiden, die man gar nicht hat, und andererseits auch kein Leid mit sich herumtragen zu müssen, was man durch die richtige Unterstützung auch ablegen könnte.

Der vielleicht wichtigste Punkt ist aber die Neigung zur Übererregung des Nervensystems, das oftmals eine Nebenwirkung der Hochsensibilität sein kann. Diese Eigenschaft kann zur Übererregung in genau den Situationen führen, die für Menschen am wichtigsten sind, und dadurch kurzfristig zu Unbehagen und Leistungseinbrüchen, langfristig zu vermindertem Selbstwertgefühl und zu einer starken Neigung zu einem riskanten Verhalten führen. Wenn man also einige der natürlichen Konsequenzen dieses Wesensmerkmals mit dem Wesensmerkmal selber verwechsel, kann es uns nur wie etwas erscheinen, was einfach nur ein Syndrom oder eine psychische Krankheit ist. Und doch ist die Hochsensibilität weder eine Krankheit, noch eine Beeinträchtigung. Im Gegenteil kann sie ein Geschenk für das eigene Leben sein und auch große Vorteile mit sich bringen.

M.Sc.Psych. Orhan Nazım Kılıç

M.Sc.Psych. Orhan Nazım Kılıç

Psychologe für Klinische Psychologie & Psychotherapie am Manalyse Institut, Trainer für Achtsamkeit und Selbstentwicklung.

Weitere Beiträge

Die motivierende Kraft des Nicht-Tuns - Teil 1 (Video)

Die motivierende Kraft des Nicht-Tuns - Teil 1 (Video)

Über die besondere Eigenschaft das Leben passieren zu lassen.
Spiritualität und Moral (Video)

Spiritualität und Moral (Video)

Über Selbstakzeptanz als Grundlage für spirituelle Entwicklung.
Verloren, um gefunden zu werden (Video)

Verloren, um gefunden zu werden (Video)

Über die Reise zur Erfüllung des eigenen Potenzials.