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Selbst­op­timier­ung & Selbst­ver­än­der­ung

Über die ständigen Versuche, uns zu verändern und die Rolle der radikalen Selbstakzeptanz in der Selbstentwicklung.

Menschen arbeiten an sich mit dem Versuch, ihre Eigenarten und Einstellungen und ihre Reaktionen auf das Leben zu verbessern und zu verändern. Sie setzen sich unter Druck, um ihre Lebensumstände zu verbessern. Sie versuchen, ihre eigenen Verhaltensweisen zu bekämpfen, aufzulösen und zu überwinden und sie glauben, dass es eine starke Verbindung zwischen ihrem Verhalten und ihrem Mangel an Glück im Leben gibt.

Manche von ihnen glauben an Karma, das Gesetz von Ursache und Wirkung, welches beschreibt, dass unsere Handlungen im Moment unser zukünftiges Leben bestimmen werden. Deshalb arbeiten sie daran, die Dinge in ihrem Leben jetzt zu verändern, mit der Absicht, ein besseres Leben in der Zukunft führen zu können.

Sie suchen Coaches auf oder versuchen Methoden der Selbstprogrammierung zu praktizieren, wie zum Beispiel NLP. Solche Methoden findet man auch auf Facebook, in Zeitungen und in bekannten TV-Serien, wo es durchaus Normalität ist, dass man einen Kinderpsychologen sieht, der frustrierten Eltern erklärt, wie sie besser mit ihrem schwierigen Kindern umgehen können.

Auf die eine oder andere Weise kann es all diejenigen betreffen, die sich mit Selbstoptimierung beschäftigen.

Ein anderes Feld, in dem Menschen an sich arbeiten, ist das des Erfolges. Erfolg in der Karriere, in menschlichen Beziehungen und vor allem in Liebesbeziehungen. Sie arbeiten an guten Verbindungen, an emotionaler Verlässlichkeit und daran, Liebe und Romantik in ihre Beziehungen zu bringen.

Außerdem arbeiten Menschen daran, sich vom Leiden zu erlösen. Sie glauben, dass sie abhängig sind von Leid und dass diese Abhängigkeit eine Art Krankheit ist. Und immer wenn sie leiden, sprechen sie ein Mantra voller Optimismus und Glaube an sich selbst, zu sich.

Eine sehr weit verbreitete Annahme beschreibt, dass wir keine Kontrolle über das haben, was passiert, aber über unsere Reaktionen darauf. Professor Nathali Sarot aus London sagte einst in einem TED-Talk, dass die meisten Menschen hoffnungsvoll in ihre Zukunft blicken, ohne jegliche Verbindung zur Realität. Die meisten Menschen glauben, wenn sie nicht hoffnungsvoll in ihre Zukunft blicken, wird es diese beeinflussen und sie werden ein furchtbares Leben haben.

Die meisten derjenigen, die diese Selbstoptimierung praktizieren, sind überzeugt davon, dass sie in sich den Glauben und die Überzeugung kultivieren sollten, dass Alles, oder zumindest das Meiste, in Ordnung ist und wenn sie sich selbst davon überzeugen, wird in ihrem Leben alles gut werden. Sie glauben, dass man sich nicht in Gedanken über die Vergangenheit vertiefen, sondern sich im Gegenteil auf den Moment fokussieren sollte und dass das sicher zu einem besseren Leben führt.

Und nicht nur im psychologischen Bereich ihres Lebens wird diese Art der Arbeit am Selbst praktiziert und ist sehr präsent – auch die physischen Bereiche, wie sportliche und körperliche Betätigung gehen oft mit gesunder Ernährung und der Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln einher. Die Menschen glauben, wenn sie an diesen Stellen investieren, hat es Einfluss auf ihr psychisches und emotionales Befinden. Diese Ansätze versuchen Gefühle wie Unglück, schlechte Laune, Verzweiflung, Abhängigkeiten und Sorge, sogar Essstörungen zu bekämpfen und zu überwinden. Diese Leute sind überzeugt, dass es ganz in ihrer Hand liegt, ein besseres Leben zu führen. Änderst du deine Reaktionen und Handlungen dem Leben gegenüber, wird dein Umfeld sich auch ändern. Sie fühlen sich sehr gut mit dieser Anstrengung, fühlen sich kraftvoll auf dem Weg der Selbstveränderung und -verbesserung, in der Überzeugung, bald ein besseres Leben zu haben. Und sie sind so sehr von diesem Weg, der Veränderung der eigenen Lebensführung erfüllt, dass sie beginnen, Reden und Vorträge über die Wunder des Selbsttrainings und ihre Praktiken zu halten und in langen Monologen über die Erfolge dieser Anstrengungen sprechen.

Ein Blick ins Detail: Eine Person fühlt sich nicht selbstsicher und es mangelt ihr an der Fähigkeit „Nein“ zu Anderen zu sagen. Also zwingt sie sich, dies gegenüber Menschen, die sie dominieren wollen, zu tun (oder sie zu ignorieren). Ein anderes Beispiel: eine Person, die an ihren negativen Emotionen und Gedanken arbeitet. Sie hat gelernt, dass man nicht kraftvoll gegen diese Gedanken angehen, sondern sanft zu sich sprechen soll: „Es ist noch nicht an der Zeit“.
Das soll dann die Veränderung für sie bringen.

In einem anderen Bereich geht es um das Übernehmen von Verantwortung für schlechte Beziehungen zu Verwandten und Freunden. Eine Person bekämpft ihre Kritik und ihre Ansprüche gegenüber den Anderen innerlich und versucht, möglichst nett und positiv zu sprechen. Sie versucht, in sich eine nicht verurteilende Haltung zu kultivieren, steht am Morgen voller Dankbarkeit am Leben zu sein auf und spricht zu sich, wie gut es ist, am Leben zu sein und dass ein wundervoller Tag beginnt.

Im Großen und Ganzen findet hier eine Menge Autosuggestion und Selbstüberzeugung statt, welche ausdrückt, dass die Zukunft besser sein wird- noch besser, da auch dass jetzt schon gut ist.

Selbstakzeptanz als Schlüssel

Das Problem mit den meisten dieser Wege und Methoden ist, dass die Person sich wegbewegt von einer loyalen Haltung sich selbst gegenüber, weg von ihrem eigenen Gravitationzentrum. Das allerschwerste für Menschen (besonders für solche, die stark unter persönlichen Problemen leiden) ist es, sich selbst zu akzeptieren. Wenn man zu solchen Menschen sagt, dass sie auch in 10 Jahren noch das gleiche Leben führen werden wie jetzt, wird dies kategorisch abgelehnt werden, da sie sich sofort eine Veränderung wünschen und deshalb ist Selbstakzeptanz das letzte, wozu Menschen tendieren. Vielmehr betrachten diese Menschen ihr Leben wie einen Besuch im Supermarkt, wo sie das Leben kaufen können, welches sie immer haben wollten. Sie glauben fest an ihre Willenskraft und daran, damit ihr Leben formen und ändern zu können.

Sich zu sehr auf die Willenskraft zu verlassen, kann die Verbindung zum inneren Leben und dem wahren Selbst unterbrechen und zerstören. Es ist schwer zu akzeptieren, dass fast alles, was uns im Leben widerfährt, ein Ergebnis unveränderlicher Verbindungen und Konstellationen ist und dass unser Verhalten und unsere Natur unveränderlich sind, dass der Charakter und die natürlichen Eigenarten eines Menschen in den meisten Fällen kristallisiert sind.

Auf die gleiche Art und Weise wie eine Karotte niemals eine Tomate werden kann, wird ein Mensch niemals seine wahre Natur, sondern nur die äußeren Schichten verändern können (damit verstecken und leugnen wir, wer wir wirklich sind). Menschen können ihre wahre Natur verleugnen und sich die Mühen jemand anderes zu werden zur Grundlage des eigenen Handelns machen – das ist zu vergleichen mit dem Auflegen von Make-Up oder dem Anziehen feiner Kleidung – die Erscheinung von Körper und Gesicht bleibt dieselbe, wie auch bei allen Bemühungen der Selbstverbesserung.

Und hier eröffnet sich ein Paradoxon das, wie alle Paradoxien, schwer zu akzeptieren ist: Nur wenn die Menschen ihre Natur und wer sie wirklich sind vollkommen akzeptieren können, entsteht für sie die Möglichkeit zu wachsen, zu innerer Balance zu finden und eine höhere Stufe des eigenen Selbst zu erreichen. Man kann nur an seinem wahren Material arbeiten und nicht an Adaptiertem. George Ivanovich Gurdjieff nannte die adaptierten Anteile einer Person „Persönlichkeit“ und die wahren Anteile „Essenz“.

Solange sich eine Person gegen ihre Natur und ihre natürlichen Verhaltensweisen wehrt, wird sie in den niederen Stufen ihres Selbst gefangen sein. Menschen können sich nicht ändern, ihre Psyche und deren eigene Struktur sind real und unveränderlich wie ihr Körper und ihr Gesicht. Wir haben die Überzeugung, dass all die nicht physiologischen Aspekte unseres Lebens, wie zum Beispiel die persönlichen Wesenszüge und unsere Verhaltensweisen und Reaktionen auf das Leben, abstrakt sind und viel mit den Geschichten zu tun haben, die wir uns erzählen und dass wir damit fast alles sein können, was wir uns wünschen.

Doch die Wahrheit ist: Uns zu ändern ist das Letzte, was uns möglich ist und das Schwierigste ist es, uns zu akzeptieren wie wir sind, ohne Make-Up und ohne alle Anstrengungen, uns zu ändern.

Wenn ein Mensch jedoch beginnt sich zu akzeptieren, geschieht ein Wunder. Er wird Knospen treiben lassen und Frieden mit sich schließen. Eine Person, die sich mit sich selbst verbindet, findet ihr eigenes Gravitationszentrum. Dann hat sie ein Zuhause von welchem sie nach Außen tritt und wohin sie sich in schweren und gestressten Zeiten zurückzieht.

Wenn eine Person damit in Verbindung steht, wer sie ist und in Frieden damit ist, wird sich in ihrem Leben ein wirklicher, dynamischer Fluss einstellen, der authentisch und nicht das Ergebnis von einer Selbstveränderung ist.

Wirkliche Selbstakzeptanz ist sehr schwer und wir geben uns lieber mit unserem Idealen Selbst ab und bestehen auf dessen Existenz.
Doch wahre Selbstakzeptanz bedeutet, all die Fehler und Schwächen in uns zu akzeptieren. Nur dadurch können wir uns mit wahrer innerer Stärke verbinden. Wir sollten gar Freunde unserer Schwächen werden, nur dadurch können wir lernen, sie zu akzeptieren und von dort können wir wachsen und akzeptieren wer und was wir sind.

Eine Person, die das tut, hört auf ihr inneres Leben und handelt somit in Harmonie und innerer Koordination. Und durch diese Arbeit mit dem wirklichen, eigenen Material kann man die höheren Ebenen ihrer Existenz erreichen. Im Gegensatz dazu ist eine Person, die sich mit sich selbst und dem was sie ist im Krieg befindet, in einem dauerhaften Ungleichgewicht und Dissonanz mit sich und ihrem Gravitationszentrum. Diese Dissonanz wird sie noch stärker dazu treiben, sich den Anstrengungen der Selbstverbessrung und Ratschlägen zu einem besseren, erfolgreicheren Leben hinzugeben.

Unser Charakter ist hauptsächlich genetisch bedingt und das ist schwer zu ertragen. Wir sind bereit zu akzeptieren, dass unser Charakter und unsere Persönlichkeit von unserer Umgebung beeinflusst werden, aber einzusehen, dass wir nicht als ein leeres Blatt Papier geboren sind, ist kaum zu ertragen.

Wir haben keine Kontrolle über unsere Geburt und unseren Tod, jedoch wollen wir zumindest in dem Glauben darüber bleiben, unser Leben dazwischen kontrollieren zu können. Aus diesem Grund ist es schwer zu akzeptieren, dass wir auch hierüber kaum Kontrolle haben. Hauptsächlich passieren uns die Dinge einfach, während wir glauben, über das meiste die Kontrolle zu besitzen.

Wirkliche Selbstakzeptanz passiert dann, wenn eine Person ihre emotionale Identifikation mit dem Guten wie dem Schlechten in ihrem Leben aufgibt und einen neutralen, nicht verurteilenden Standpunkt ihrem Leben und ihrem Selbst gegenüber einnimmt. Durch diesen neutralen Vektor kann sie die entgegengesetzten Pole in ihrem Leben, ihre starken und ihre schwachen Anteile, gleichzeitig in sich tragen. Wir sind es gewohnt, uns an das von uns als Gute und Erstrebenswerte in unserem Leben zu klammern und das sogenannte Schwache und Schlechte zu bekämpfen. Es ist äußerst schwer, beides gleichzeitig zu ertragen, dies kann nur von einer neutralen Perspektive (dem neutralen Vektor) aus geschehen. Ansätze dieses Gedanken existieren in einer heutzutage populären Methode, der sogenannten „Mindfulness“.

Wenn es einer Person gelingt, die Pole gleichzeitig in sich zu tragen, kann sie sich auf eine höhere Stufe erheben. Und darum geht es hier hauptsächlich, man kann sich nicht ändern, jedoch kann man auf eine höhere Stufe des (Bewusst-)Seins aufsteigen.

Eine Anmerkung zur Klärung des hier Verfassten: Es wird mit diesem Text nicht gesagt, dass wir alle Anstrengungen um das Thema Arbeit am Selbst und Selbstentwicklung aufgeben sollten, es gibt viele Übungen und auch Mantras, die uns dabei helfen, bessere und höhere Zustände zu erreichen. Was der Text beschreiben möchte ist, dass alle die Ansätze zur Selbstentwicklung erst stattfinden sollten nachdem wir uns vollkommen akzeptiert haben – nicht davor und nicht stattdessen. Alles, was nach der Selbstakzeptanz passiert, kann unser Entwicklung und dem Streben nach einem höheren Seinszustand durchaus dienlich sein.

Gabriel Raam

Gabriel Raam

ist ein israelischer Philosoph, Experte für nonverbale Kommunikation und Lehrer für Bewusstseinsentwicklung. Seine Philosophie gilt als Grundlage der Manalyse-Methode.

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