Open Nav

Selbst­be­wusst­sein und Selbst­be­schäf­ti­gung

Wie bewusste Wahrnehmung eingesetzt werden kann, um Prozesse aufzuwerten anstatt sich in Selbstbeschäftigung zu verlieren.

Es ist sehr spannend, wie sich die Bedeutung des Begriffes Selbstbewusstsein im Laufe der Zeit und durch verschiedene Kulturen hinweg verändert hat. Während der Begriff im Deutschen oft synonym zum Selbstvertrauen benutzt wird, hat die wörtliche Übersetzung self-conscious im englischen Sprachraum eine gegenteilige Bedeutung erhalten. Das Cambridge English Dictionary beschreibt das Gefühl, self-conscious zu sein, als ein Empfinden der Nervosität oder des Unbehagens, weil man fürchtet, was andere über einen oder die eigenen Handlungen denken.

Wie kann ein und derselbe Begriff so unterschiedliche Bedeutungen haben? Und welches Verständnis ist nun das Richtige?

Nun, beide Bedeutungen sind sowohl wahr als auch falsch, und um das zu verstehen, müssen wir in die Natur des Bewusstseins eintauchen, oder eher in die Natur der bewussten Wahrnehmung (conscious awareness), und wir müssen versehen, wie diese Kraft genutzt oder fehlgeleitet werden kann.

Bewusste Wahrnehmung – oft auch als Achtsamkeit (mindfulness) bezeichnet, wenn sie nach innen gerichtet ist – basiert auf einer Energie, welche durch Reibung erzeugt wird. Dieser Prozess wird vom armenischen Mystiker G.I. Gurdjieff als „Kampf zwischen ja und nein“ sehr anschaulich beschrieben.

Wenn wir beispielsweise mit dem Rauchen aufhören wollen, können wir diesen Kampf sehr leicht identifizieren: einerseits gibt es die Kraft, die trotz allem weiter rauchen möchte und sich dem Genuss hingeben, während es eine zweite Kraft gibt, die – z.B. aus gesundheitlichen Gründen – uns dazu drängt, es sein zu lassen. Diese beiden Kräfte könnten als ja und nein im Sinne Gurdjieffs verstanden werden, oder als positiv- und negativ-polige Kräfte in uns, wie beim elektrischen Strom.

Die meisten Menschen und auch die meisten Wissenschaftler und Psychologen sind zufrieden damit, diese beiden Kräfte zu beobachten, und durch Coaching, Beratung, Training, Hypnose, Psychotherapie usw. versuchen sie, Menschen dabei zu helfen, eine dieser beiden Kräfte zu stärken, sodass die andere überwunden wird und das Ziel erreicht werden kann.

Was dabei in der Gesamtsituation übersehen wird, ist die Tatsache, dass diese Reibung eine dritte Kraft erzeugt, welche den Keim für eine Kraft bildet, die wir bewusste Wahrnehmung, also conscious awareness, nennen. Diese Kraft ist unglaublich mächtig, doch weil wir überhaupt keine Erfahrung und Kenntnis über sie haben, sind wir völlig hilflos und blind ihr gegenüber (ungefähr so hilflos wie die armen Quantenphysiker nach der Entdeckung dieser Kraft im berühmten Doppelspaltexperiment).

Das Resultat unserer Ignoranz bezüglich dieser Kraft führt dazu, dass sie sofort von einer der beiden Kräfte, die wir vorhin als positiv und negativ bezeichneten, für die eigenen Zwecke eingespannt wird. Doch diese dritte Kraft ist nicht dafür gemacht, sich auf die Seite der positiven oder der negativen Kraft zu schlagen, sie ist ihrer Natur gemäß der Neutralität und Unbefangenheit verschrieben. Wird sie zur Verstärkung für die positive oder negative Kraft eingespannt, wirkt sie wie Gift: wir fangen an, uns zu verurteilen, wir fühlen uns schuldig, grübeln, werden zwanghaft und obsessiv, verfallen dem Drang nach Stimulation und Befriedigung.

Wir identifizieren uns mit der Situation, d.h. wir geben der Situation eine riesige, unverhältnismäßig große Bedeutung, und verfallen damit in eine langfristig obsessive Art der Selbstbeschäftigung.

Je Mehr Menschen versuchen, an sich zu arbeiten oder sich zu entwickeln ohne die Unterstützung und Anleitung einer Person, die ihnen dabei helfen kann, diese Kraft korrekt zu nutzen, umso mehr fangen sie an, sich zwanghaft mit sich selbst zu beschäftigen, was dazu führt, dass ihre Probleme immer größer und größer erscheinen.

Und wenn diese Person nun auch noch einen der Millionen Coaches, Gurus oder Psychotherapeuten findet, die, wie die meisten Menschen, völlig im Unklaren ist über diese Tatsachen, dann werden Jahre vergehen, womöglich sogar Schaden angerichtet werden, aber nichts wird transformiert werden. Der Prozess wird gefangen sein in einem Loop.

Es stellt sich also die Frage: wie kann diese dritte Kraft richtig genutzt werden? Diese dritte Kraft hat das Ziel, bewusste Wahrnehmung zu werden, und als solche muss sie neutral, unparteiisch und objektiv sein, so wie eine Kamera, die auf etwas gerichtet ist: die Kamera will nichts, sie reagiert nicht oder lässt sich nicht aus der Bahn werfen von dem, was sie beobachtet. Die Kamera schert sich nicht darum, ob ein Film über Liebe gedreht wird oder eine brutale Dokumentation über Tiger, die Gazellen jagen – sie ist einfach eine Kamera. Sie lässt das, was passiert, einfach in sich hinein.

Wenn die dritte Kraft auf eine vollkommen bedingungslos neutrale Weise eingesetzt wird, ohne auf die positive oder negative Seite zu fallen, d.h. ohne das Aufhören mit dem Rauchen oder das Weiterrauchen zu unterstützen, dann hat sie eine sehr mächtige Wirkung auf den gesamten Prozess: es wird eine Versöhnung zwischen beiden Kräften hergestellt und der gesamte Prozess wird aufgewertet, er erhält einen neuen Charakter und ist nicht mehr in dem Kampf gefangen.

Wenn wir nun zu unseren anfänglichen Fragen zurückkehren, werden wir erkennen, dass im Englisch durch das Adjektiv self-conscious der Aspekt erkannt wird, in dem der Keim des Bewusstseins gegen die Person gerichtet wird (das kann je nach Situation die positive oder die negative Kraft sein) und dadurch so Schaden anrichtet, bezieht sich die deutsche Verwendung auf den die Person unterstützenden Aspekt und resultiert angeblich dadurch in mehr Selbstvertrauen.

In beiden Fällen wird übersehen, dass es sich um eine eigenständige Kraft handeln sollte, die unglaubliches Potenzial hat. Sie dient nicht dazu, die Person stärker oder schwächer, sicherer oder unsicherer zu machen, sondern, durch pure Neutralität einen Raum zu erzeugen, indem eine natürliche Dynamik stattfinden und der Prozess so endlich vollendet werden kann. Wenn es uns gelingt, diese dritte Kraft neutral einzusetzen, eröffnet sich uns eine völlig neue Welt der Möglichkeiten.

M.Sc.Psych. Orhan Nazım Kılıç

M.Sc.Psych. Orhan Nazım Kılıç

Psychologe für Klinische Psychologie & Psychotherapie am Manalyse Institut, Trainer für Achtsamkeit und Selbstentwicklung.

Weitere Beiträge

Hochsensibilität und Arbeit

Hochsensibilität und Arbeit

Über die Besonderheiten von feinfühligen Menschen im Kontext des Berufs, ihrem Potenzial und ihrer Rolle in der Unternehmenswelt.
Ego und Satori (Video)

Ego und Satori (Video)

Über innere Arbeit, Erleuchtung, emotionale Reife - und das, was uns im Weg steht: unser Ego.
Selbst­op­timier­ung & Selbst­ver­än­der­ung

Selbst­op­timier­ung & Selbst­ver­än­der­ung

Über die ständigen Versuche, uns zu verändern und die Rolle der radikalen Selbstakzeptanz in der Selbstentwicklung.