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Geschehen lassen

Wie die authentische Person sich vom Leben leiten lässt, anstatt selbst aktiv zu werden.

Die authentische Person versucht nicht die ausführende oder veranlassende Gewalt ihres eigenen Lebens zu sein. Sie ist vielmehr Zuhörer und Beantworter ihres eigenen Lebens; folglich erlaubt sie das, was geschehen möchte, zu sein. Sie wünscht sich nicht der Drehbuch-Autor ihres Lebens zu sein, viel eher ist sie der Stift und das Papier. Ihr Wunsch ist es, die Bühne der Manifestation für ihr angeborenes Potenzial zu sein.

Und so ist sie behutsam darauf bedacht, ihr Leben nicht zu sehr anzutreiben, denn wenn sie das täte, wäre es ihr unmöglich, sich von innen heraus von etwas Natürlichem und Wahrem leiten zu lassen. Die authentische Person weiß, dass sie allein und an für sich schwach ist. Nichtsdestotrotz kann sie ihre Schwäche als ein Kanal großer Stärke einsetzen. Und so ist sie wiederum behutsam, nicht aus einer falschen Stärke zu handeln, sondern sich ihrer Schwäche bewusst zu sein. Denn nur durch diese Schwäche kann sich wahre Stärke manifestieren.

Die authentische Person versucht es, nicht zuzulassen, dass aufsteigender Druck und Frustration Überhand nehmen und sie dazu bringen, voreilig zu handeln. Ihre Stärke liegt darin, die Fähigkeit zu besitzen verloren und desorientiert zu sein, bis etwas von innen heraus die Kontrolle übernimmt. Sie erlaubt es nicht, dass ihre Angst und ihre Bestrebungen sie voreilig in Aktion bringen. Vielmehr ist sie damit zufrieden, passiv zu sein – solange die wahre innerliche Kraft nicht kommt, um die Regie zu übernehmen. Gleichermaßen ist ihr Verhältnis zu ihren Mitmenschen: ist sie nicht von einem Anderen innerlich berührt, gibt sie sich zufrieden damit, zu schweigen.

Wir Menschen sollten vorsichtig sein, nicht zu vergewaltigen: weder den Moment zu vergewaltigen, noch ein anderes Leben – und vor allem sollten wir nicht unser eigenes Innenleben vergewaltigen, während wir versuchen, der Leere zu entfliehen und ins in selbst-aufgezwungener Aktivität verlieren. Die Welt ist voll von Menschen, die Bandscheibenvorfälle bekommen und Herzinfarkte erleiden; vermutlich weil sie darauf bestehen, zu tun und sich selbst in die Aktivität zu drängen. Diese selbst-auferlegten Bemühungen kommen aus den aggressiven Kräften des Willens und der Angst, anstatt aus den sanften Kräften des Lebens und der Natur, die aus unserem inneren Sein in unser Leben strömen.

Sobald diese sanfte Kraft Überhand nimmt und durch uns geschieht, ist das Resultat höchst erstaunlich: während wir nichts getan haben, ist es von allein passiert – wie ein Pfeil sich selbst vom Bogen schießend, frei von der Intention des Menschen und dem physischen Druck der Sehne. Der Pfeil fliegt nicht, weil mehr Druck auf ihn ausgeübt wird, sondern durch die totale Abwesenheit dessen.1

Mit anderen Worten: es ist entweder unser dominantes Selbst (Ego) oder unser sanftes, inneres Sein, das die ausführende Gewalt unseres Lebens ist. Das innere Sein kann nur dann in Erscheinung treten, wenn das Ego beiseite tritt und Raum und Platz für den wahren Helden macht; verborgen im Inneren – wartend.

1: So wie es beschrieben wird in dem Buch von Eugen Herrigel:
Herrigel, Eugen (January 26, 1999). Zen in the Art of Archery (Later Printing ed.) Vintage Books ISBN 978-0375705090

Übersetzt aus dem Englischen von Nando Schäfer.
Editiert von Nazım Kılıç.

Gabriel Raam

Gabriel Raam

ist ein israelischer Philosoph, Experte für nonverbale Kommunikation und Lehrer für Bewusstseinsentwicklung. Seine Philosophie gilt als Grundlage der Manalyse-Methode.

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